«Es tat gut, noch gebraucht zu werden»

12 August 2021

Als er an Demenz erkrankte, war Beat Vogel Leiter Infrastruktur bei der Pädagogischen Hochschule Luzern. Mit einem kleinen Pensum und einfachen Aufgaben konnte der heute 61-Jährige im Team weiterarbeiten, bis es nicht mehr möglich war. Alle Beteiligten ziehen eine positive Bilanz.

Er sei leidenschaftlich gerne zur Arbeit gegangen, erzählt Beat Vogel. Eine sorgfältige Arbeitsweise sei ihm wichtig gewesen: «Ich war ein ganz Pingeliger.» Der gelernte Maschinenmechaniker wurde Schulhauswart und stieg anschliessend zum Leiter Infrastruktur der Pädagogischen Hochschule (PH) Luzern auf. In dieser Position war er für zwölf Liegenschaften verantwortlich, verfügte über ein Millionenbudget und leitete ein fünfköpfiges Team. Die ersten Auffälligkeiten wurden ihm teilweise selbst bewusst, teilweise durch Reaktionen von Kollegen. Er vergass, wer ihn gerade angerufen hatte, gab Dokumente weiter, ohne sie zu unterschreiben, und übersäte seinen Arbeitsplatz mit Notiz-Zetteln, um an alles zu denken.

Dieses Verhalten war so ungewohnt, dass der Mittfünfziger beschloss den Hausarzt aufzusuchen. Es folgte ein langer medizinischer Weg mit ausgedehnten Abklärungen. Wechselnde Spezialisten untersuchten ihn auf alles Mögliche, bis die Diagnose schlussendlich feststand: frontotemporale Demenz.

Drei Jahre ist das inzwischen her. «Es war wie eine Ohrfeige, aber auch eine Erleichterung», erinnert sich Beat Vogel. Endlich wusste er, was mit ihm los war. Seine Leitungsfunktion an der Schule hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits abgegeben und arbeitete mit reduziertem Verantwortungsbereich. Nach der Diagnose Demenz war klar: Mit fortschreitender Erkrankung würden die Einbussen zunehmen. Wie sollte es also weitergehen?

Abschieben war keine Option

Beat Vogel, sein Vorgesetzter und die Personalabteilung setzten sich zusammen. Auch eine von der PH Luzern beigezogene und finanzierte Case-Managerin wirkte mit, ihr Wissen über den Sozialversicherungsdschungel war von grossem Nutzen. Durch den Austausch fanden Arbeitgeber und Arbeitnehmer eine für beide Seiten befriedigende Lösung: Beat Vogel kam jeweils am Vormittag weiterhin zur Arbeit. Täglich wurde er einem Teamkollegen zugeteilt, der ihm einfache Aufgaben im Tagesbetrieb übertrug: Lampenkontrolle, Inventararbeiten, kleinere Reparaturen, Material nachfüllen, Gestelle reinigen. Der Kollege achtete jeweils darauf, dass die Tätigkeiten korrekt ausführt wurden, und half bei Unsicherheiten weiter.

Mit dem Wechsel vom Abteilungsleiter zum Hilfsarbeiter mit weniger Lohn: Beat Vogel haderte nicht damit. Ganz im Gegenteil: «Ich war froh, arbeiten gehen zu können», sagt er. Neben der Tagesstruktur und den sozialen Kontakten hat ihm auch das Gefühl, trotz seiner Erkrankung am Arbeitsplatz noch gebraucht zu werden, gutgetan: «Ich wurde trotz meiner Erkrankung nicht einfach abgeschoben.» Das wäre für die PH Luzern niemals infrage kommen, unterstreicht die Personalverantwortliche Claudia Weber: «Wir nehmen unsere soziale Verantwortung ernst.» Mit Willen und Kreativität fänden sich oft Möglichkeiten, das Arbeitsverhältnis weiterzuführen: in einer anderen Funktion, mit angepassten Anforderungen und vermindertem Pensum.

Unterstützung durch jungen Kollegen

Im Prozess wurde bewusst auf die Eigenschaften der Demenz geachtet. Damit er nicht die Orientierung verliert und die Räume für Beat Vogel überschaubar blieben, kam er nur noch in einem der Schulgebäude zum Einsatz. Sein Pflichtenheft schützte ihn zusätzlich vor möglichen Gefahren im Hausdienst: er bediente keine Maschinen mehr, arbeitete nicht mehr mit Chemikalien. Als grösste Unterstützung aber erwies sich aber Simon Heer, ein junger Kollege. Der 23-jährige Fachmann Betriebsunterhalt war noch nicht sehr lange im Team. Er sagte rasch zu, als er gefragt wurde, ob er sich die spezielle Rolle vorstellen könnte. Die beiden verstanden sich gut. «Ich hatte Beat Vogel als sehr gut ausgebildeten Kollegen kennengelernt, von dem ich viel lernen konnte», anerkennt der junge Hauswart.

Nur ein Thema machte ihm Sorgen: wie er den erfahrenen, viel älteren Kollegen auf allfällige Fehler aufmerksam machen sollte, da er ihn nicht kränken wollte. Doch Beat Vogel habe ihn gleich zu Beginn aufgefordert, wenn nötig ungeniert Kritik anzubringen. Das habe er ihm hoch angerechnet, erzählt Simon Heer. Für ihn war es der erste Kontakt mit einem von Demenz betroffenen Menschen. Auf der einen Seite fand er es bedrückend, zu sehen, wie hart diese Krankheit einen voll im Erwerbsleben stehenden Berufsmann traf. Simon Heer sagt aber auch: «Es fasziniert mich, wie Beat trotzdem positiv eingestellt ist und seine Lebenslust behält.»

«Ich bin nicht einer, der versauert»

Beat Vogels Personalchefin Claudia Weber kannte die Krankheit Demenz aus ihrem persönlichen Umfeld, weshalb sie bereits für den Umgang damit sensibilisiert war. Aus ihrer Sicht hat sich das eingeleitete Vorgehen «voll und ganz gelohnt» und windet allen ein Kränzchen. In erster Linie dem Hausdienst-Team der PHLU, das einiges aufgefangen und sich neu organisiert habe. Das sei «nicht nur einfach» gewesen, so Claudia Weber. Gleichzeitig hätten die Mitarbeitenden aber auch aus nächster Nähe mitbekommen, dass ihr Arbeitgeber Erkrankte Mitarbeitende nicht einfach fallen lässt. Auch Beat Vogel selber sei das Gelingen zu verdanken, betont Claudia Weber. Er habe sich realistisch mit seiner Demenz auseinandergesetzt und sei sich stets bewusst gewesen, was noch gehe und was nicht mehr: «Das kam uns sehr entgegen.»

Im Frühling 2019 dann beendete Beat Vogel aus eigenen Schritten sein Erwerbsleben, noch keine sechzig Jahre alt, da er merkte: «Jetzt ist der Zeitpunkt da.» Zuvor war ihm eine IV-Rente zugesprochen worden. Ohne die entschlossene Unterstützung der Case-Managerin hätte das jedoch nie geklappt, betont er, und findet: «Eine solche Beratung müsste allen jüngeren Demenzbetroffenen zur Verfügung stehen.»

Inzwischen hat Beat Vogel sich einen neuen Alltag aufgebaut. «Ich bin nicht einer, der versauert», sagt er. Er geht unter die Leute und wo er nur kann, wirbt um Verständnis für Menschen mit Demenz. Als sportlicher Mensch bewegt er sich viel im Freien. Via Smartphone-App können seine Angehörigen nachverfolgen, wo er sich befindet – eine Sicherheitsmassnahme. Die Einschränkungen, die ihm die Demenz auferlegt, wachsen. Auf der anderen Seite entdecke er Neues, sagt Beat Vogel, das bereite ihm Freude. Unter anderem fing er an, kurze Sinnsprüche zu verfassen, zum Beispiel: «Demenz – was bleibt, ist ein Mensch.»

Dieser Artikel ist im Original in der auguste, April 2021 erschienen.

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