Mit Demenz erkrankten Menschen kommunizieren

7 November 2016

Gespräch mit Michael Schmieder

Sonnweid AG, dipl. Pflegefachmann, Master in angewandter Ethik

Herr Schmieder, als pensionierter Leiter des Demenzzentrums Sonnweid standen Sie tagtäglich im Kontakt mit Dementen. Können Sie uns erklären, was sich in der Kommunikation zwischen Betroffenen und ihren Angehörigen ändert?

Die Möglichkeit, dass Menschen miteinander reden können, wenn sie die gleiche Sprache sprechen, ist etwas Wunderbares. Wenn nun die gleiche Sprache nicht mehr vorhanden ist, führt das zu Verständigungsproblemen. Menschen mit Demenz verstehen uns oft nicht, weil sie die Sprache „verlernen“. Ihnen erschliesst sich der Inhalt eines Gesprächs nicht mehr, weil sie die Bedeutung der gesagten Wörter nicht mehr kennen. So ist der Baum dann nicht mehr als Baum zu begreifen. Oder aber sie wissen, dass der Baum ein Baum ist, können aber den Baum nicht mehr benennen.

Betroffene haben also nicht mehr dieselben Möglichkeiten, ihr Gegenüber zu verstehen. Wie wirkt sich das auf die Beziehung aus? 

Vor allem in familiären Situationen ist es oft schwierig anzuerkennen, dass der Erkrankte tatsächlich nicht mehr versteht, was er ein Leben lang verstanden hat. Und das führt zu Unverständnis und oft zu Konflikten, weil man annimmt, der Andere mache das vielleicht absichtlich. Teilweise verlieren Menschen mit Demenz relativ rasch ihre Sprach- und Verständniskompetenz. Und Angehörigen fällt es dann sehr schwer, zu anerkennen, dass das so ist.

Können Sie uns die Sicht der Betroffenen noch etwas näher beschreiben?

Menschen mit Demenz tun nichts absichtlich. Sie wollen ja nicht, dass man ihre Fehlleistungen erkennt. Also vertuschen sie so gut es geht, und das manchmal recht lange.

Ich vergleiche solche Situationen oft mit einem Bild: wenn mir jemand auf russisch mitteilt, dass ich um den Tisch rennen soll, dann muss ich russisch können, um das ausführen zu können. Wenn mir das aber jemand vormacht und mir mit Gesten zeigt, was ich tun soll, dann kann ich es vermutlich nachmachen.

Zum Schluss noch eine Frage: Welches ist ihrer Meinung nach der wichtigste Aspekt, um besser mit Betroffenen zu kommunizieren?

Reden Sie mit Menschen, nicht mit Dementen, auch wenn diese Menschen oft viel weniger verstehen, als wir gerne annehmen würden. Schlussendlich macht dieser Prozess deutlich, dass der Mensch mit Demenz sich von geltenden Mustern und Erwartungen ablöst.

Michael Schmieder hat 1985 das Demenzzentrum Sonnweid in Wetzikon übernommen und zu einem Wohn- und Lebensraum für 150 Menschen mit Demenz gemacht. Nach dreissig Jahren hat er Ende 2015 die Leitung des Zentrums abgegeben. Vor einem Jahr veröffentlichte er das Buch «Dement, aber nicht bescheuert. Für einen neuen Umgang mit Demenzkranken.»

Alzheimer Schweiz und Pro Senectute empfehlen Ihnen, in der Kommunikation mit Betroffenen folgende Punkte zu beachten:

  • Ruhiges Umfeld ohne Ablenkung für Auge und Ohr schaffen
  • Klar und deutlich sprechen / einfache Sätze machen
  • Ironie und Doppeldeutigkeiten vermeiden
  • Wichtige Informationen wiederholen
  • Geduld haben, nicht zu viel auf einmal wollen / Pausen einschalten
  • Mut haben, neue Formen der Kommunikation auszuprobieren (Gesten, Berührungen oder andere nonverbale Kommunikation)
  • Kommunikation trotzdem aufrecht erhalten, damit das Gehirn weiterhin trainiert wird
  • Kommunikation weiterhin trainieren, denn sie ist der Schlüssel zu sozialen Kontakten und hilft, Isolation zu verhindern.

 

Weitere Tipps erhalten Sie im Informationsblatt von Alzheimer Schweiz: «Sich verständigen – auch mit Demenz»

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