«Oftmals hilft schon, dass wir viel Verständnis zeigen.»

14 Juli 2016

Anfang 2012 begann die Alzheimervereinigung Aargau mit dem Pilotprojekt der «Zugehenden Beratung», einer intensiven, langdauernden Beratung für Menschen mit Demenz und deren Angehörige. Inzwischen ist die Pro Senectute Aargau dazu gestossen, und das häufig genutzte Angebot wird als «Zugehende Demenzberatung» gemeinsam weitergeführt. Ein Erstkontakt findet am Telefon statt – was danach folgt, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Beraterin Irène Taimako-Fischer erzählt aus ihrem Berufsalltag und erklärt, weshalb Verständnis und eine konstante, personenbezogene Unterstützung für Betroffene und ihre Angehörigen so wichtig sind.

«Grob gesagt kann man die ersten Kontaktaufnahmen mit uns in zwei Gruppen aufteilen. Ein Teil der Anrufenden – meistens Angehörige – möchte gezielte und punktuelle Informationen abholen oder braucht für eine bestimmte Situation psychologischen Support. Wir nehmen uns Zeit, hören zu und beraten das Gegenüber für die jeweils ganz individuelle Situation. Oftmals hilft schon, dass wir aufgrund von praktischer Erfahrung viel Verständnis für die schwierigen Umstände aufbringen. Nicht nur für Betroffene selber, auch für die Partner von Demenzbetroffenenverändert sich nämlich schrittweise der ganze Alltag: eingespielte Rollen verändern sich, Fragen und Hilflosigkeit tauchen auf, Verlustängste, Trauer und manchmal auch Wut beschäftigen. Als Beraterinnen von der «Zugehenden Beratung» können wir schon sehr viel Hilfestellung bieten, indem wir «einfach da» sind, zuhören, konkrete Fragen beantworten – und auch beim nächsten Mal wieder den Telefonhörer abnehmen und da sind.

Der andere Teil der Anrufenden meldet sich bei uns, wenn die Situation mit der betroffenen Person, meist dem Partner oder der Partnerin, bereits zu einer Überforderung auf verschiedenen Ebenen geführt hat. Für viele Angehörige kommt es nicht in Frage, den langjährigen Ehe- und Lebenspartner «im Stich zu lassen». Sehr viele Angehörige übernehmen lieber stillschweigend Pflege, Betreuung und Begleitung der Betroffenen und finden sich plötzlich in einer Erschöpfung wieder. Eine Demenz verläuft nie gleich und meistens schleichend. Oft ist es schwierig, den richtigen Moment zu erkennen, um Hilfe zu holen. Besonders für Nahestehende. In solchen Fällen folgt dann auf das erste Telefongespräch rasch der persönliche Kontakt mit individueller Begleitung – die eigentliche «zugehende Beratung», während der mit den betreuenden Angehörigen Bedürfnisse geklärt und mögliche Schritte geplant werden. Pro Familie ist immer die gleiche Betreuungsperson zuständig – so können professionelle Nähe und Vertrauen aufgebaut werden. In den manchmal stark belasteten Situationen können unsere Empfehlungen so eher angenommen werden: Wir thematisieren entlastende Massnahmen im Bereich Betreuung und Pflege, die Kommunikation und auch einen allfälligen Heimeintritt. Manche spricht ein Ferienaufenthalt für den betroffenen Angehörigen an oder eine begleitete, gemeinsame Ferienwoche für Betroffene und Pflegende. Im Austausch mit den Beraterinnen gelingt es oft, aus den verschiedenen Möglichkeiten die Beste für sich und den Betroffenen zu wählen.

Seit Januar 2012 bis Dezember 2015 wurden insgesamt 405 Familien begleitet. Das ist eine hohe Zahl wenn man bedenkt, dass die persönlichen Kontakte meist in Akutsituationen erfolgen – dann, wenn das familiäre Unterstützungs-System an eine Grenze gestossen ist. Und diese Zahl nimmt seit 2012 jährlich zu. Unsere Herausforderung besteht also auch darin, Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben, um die Öffentlichkeit über das Angebot zu informieren und sie dafür zu sensibilisieren.

Meine ganz persönliche Herausforderung zeigte sich gleich zu Beginn dieser Tätigkeit: Es braucht Geduld und Kreativität. Im Pflegebereich, wo ich davor tätig war, konnten Probleme fachlich und medizinisch zügiger angegangen und begleitet werden. Wir waren ein spezialisiertes Team. Bei der «Zugehenden Demenzberatung» jedoch herrschen andere Bedingungen: Familiäre Beziehungen, vertraute Verhaltensmuster, partnerschaftliche Loyalität und Abhängigkeiten, aber auch finanzielle Überlegungen verlangen oft viel mehr Zeit, um passende Lösungswege zu finden. Die Beraterinnen begleiten einen Prozess der Akzeptanz. Dieser benötigt Zeit, Raum und Verständnis der Krankheit und deren Folgen für den Alltag.

Autorin: Irène Taimako-Fischer, Beratung & Case Management «Zugehende Beratung» bei der Alzheimervereinigung Aargau

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